Bei sich bleiben – wie bitte geht das?
Ein heikles Gespräch steht bevor? Die Nerven liegen blank? „Bleib einfach ganz bei dir!“, raten gute Freunde dann oft. Aber: Wo ist „bei mir“? Wie kommt man da hin, und wie bleibt man dort? Wir haben Kampfsport-Philosoph Ronny Kokert nach dem Weg gefragt.

Anna Kliewer
Den Film anhalten
„Bei sich bleiben“ ist nicht nur sprachlich das Gegenteil von „ außer sich sein“. Letzteres fühlt sich gar nicht gut an, es kostet Kraft, zehrt an unserem Seelenfrieden. Ersteres wollen wir erreichen. Aber wie? „Zwischen Reiz und Reaktion gibt es einen Raum. In diesem Raum haben wir die Freiheit und die Macht, unsere Reaktion zu wählen“, sagt Ronny Kokert.
Okay, eigentlich hat das Viktor Frankl gesagt, aber Ronny erklärt es so: „Wir glauben, einen freien Willen zu haben – aber in Wahrheit besteht unser Tag aus der Reaktion auf Milliarden von Eindrücken und Reizen. Bei sich ankommen heißt, sich ein bisschen zur Seite zu stellen, sich aus diesem Ereignisstrom herauszunehmen und zum Beobachter zu werden. Dabei werden uns auch unsere eigenen Bedürfnisse wieder stärker bewusst. Wir können den Film nicht stoppen, in dem wir mitspielen – aber wir können verhindern, dass ein anderer bei unserem Film Regie führt.“
Empathie
Ronny sagt: „Aus der konkreten Situation einen Schritt zurückzutreten und eine Beobachterposition einzunehmen ist nicht gleichbedeutend mit Teilnahmslosigkeit. Ein gutes Bild ist hier der ‚mitfühlende Beobachter‘. Und: Mitgefühl bringe ich nicht nur für andere auf! Genauso geht es darum, mit sich selbst Mitgefühl zu haben, sich selbst ein gutes Leben zu gönnen, sich selbst spüren zu lassen, dass man geliebt wird.“ Das ist nämlich die Voraussetzung dafür, um auch mit anderen liebevoll umzugehen.

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Sehen, was ist
Natürlich ist es leichter, ganz bei sich zu bleiben, wenn man gerade auf seiner Yogamatte sitzt und nicht in einer Besprechung mit dem Vorgesetzten – aber gerade dort kommt’s darauf an, es zu lernen.
Wie schaff ich das, Ronny? „Wenn man angegriffen wird, fällt man oft in Schockstarre. Dann geht gar nichts mehr. Handlungsfähig bleiben wir dadurch, dass wir mit der Aufmerksamkeit im Moment bleiben – und zwar ‚außen‘, bei dem, was tatsächlich ist, nicht bei der Interpretation, die wir uns in unserem Inneren zurechtzimmern. Versuche dein Gegenüber zu beschreiben: Welche Augenfarbe hat er? Wie groß ist sie? Was höre ich? Was rieche ich? Unsere Sinneswahrnehmung hilft uns, in der Gegenwart zu bleiben. Das ist auch deshalb wichtig, weil man abwertende Worte sofort zu sich selbst in Bezug setzt: ‚Hat das nicht schon einmal jemand zu mir gesagt? Mein Turnlehrer? Mein Vater?‘ Diese Verknüpfung macht uns unsicher und schwächt uns. Also besser: riechen, schmecken, in der Gegenwart verankert bleiben.“

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Es sind nur Worte
„Es gibt einen guten Test“, sagt Ronny. „Es ist eine Art kinesiologischer Muskeltest: Ich versuche den Arm meines Trainingspartners wegzudrücken, während ich ein Rilke-Gedicht aufsage. Das wird mir nicht gelingen. Dann ändere ich den Tonfall, sage abwertende Bemerkungen, werde persönlich. Das schwächt mein Gegenüber – ich kann seinen Arm wegdrücken. Aber: Was ist der Unterschied zwischen dem Rilke-Gedicht und den Abwertungen? In Wirklichkeit sind beides nur Buchstaben. Der Unterschied liegt in unserer Interpretation – und die schwächt uns.“
Hier kommt die Resilienz ins Spiel: „Resilienz bedeutet nicht Widerstand, sondern Durchlässigkeit: Du hörst die Worte, aber beißt dich nicht an ihnen fest. Du verknüpfst sie nicht mit deinem Leben, du lässt sie einfach durchlaufen.“
Sich zeigen
„Bei sich bleiben bedeutet auch sich zeigen. Leonard Cohen singt: ‚There’s a crack in everything. That’s where the light gets in.‘ – Ich denke, das gilt auch umgekehrt: That’s where the light gets out! Denn erst wenn du dich zeigst, in all deiner Verletzlichkeit, in deinem Schmerz, entsteht dieses Strahlen. Dort, an diesen Rissen – cracks –, findet die Verbindung zu anderen statt. Denn erst wenn man sich selbst Bruchstellen zugesteht, kann man sie auch anderen zugestehen. Ankommen heißt, die Risse zu integrieren – und der zu werden, der man ist.“
Zuversicht
„Mein Mantra lautet: ‚Weiter!‘ – das hilft mir, im Augenblick zu bleiben, weil der Augenblick ja auch nicht stehenbleibt, weil er sich ständig verändert. Und zwar in eine einzige Richtung: in die Zukunft. Da schwingt Zuversicht mit! Während viele Menschen mit ihrem Blick in der Vergangenheit haften (‚Früher war alles besser‘), steckt in jedem Augenblick ein Funken Zukunft.
Die Meisterübung dazu: einfach nur atmen. Wenn mich etwas stresst oder ängstigt, bleibt der Atem weg. Deshalb: weiteratmen! Man braucht keine Meditationsatmung, keine komplizierte Yoga-Atmung, einfach nur gleichmäßig weiter … Bleibt der Atem in Fluss, bleibt auch der Geist in Fluss. Die Zeit vergeht langsamer. Du siehst mehr, nimmst mehr wahr, bleibst gegenwärtig. Im Augenblick.“

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Ankern
„Ein guter Trick: Such dir ein ätherisches Öl, das du magst, und rieche daran in Situationen, in denen du dich gut fühlst, in denen du stark und ‚bei dir‘ bist. Tritt dann eine Situation der Anspannung ein, Angst, Lampenfieber etc., kannst du an dem Öl riechen – und dein Gehirn wird den positiven Zustand abrufen. Man nennt das ‚ankern‘.
Und vielleicht ein tröstlicher Gedanke zum Schluss: Allen Bemühungen zum Trotz wird es oft nicht klappen. Niemand kann immer vollkommen entspannt ‚bei sich bleiben‘. Aber das Gute daran: In dem Moment, wo dir bewusst wird, dass du nicht mehr bei dir bist, bist du’s ja wieder! Oder zumindest bist du auf dem besten Weg dahin.“
NACHGEFRAGT BEI:
Ronny Kokert, aus Wien stammender Weltmeister im Open Taekwondo, Autor und Begründer von Shinergy – einer Kampfsportrichtung, die östliche Philosophie und westliche Sportmedizin verbindet. Sein neuestes Buch „Der Weg der Freiheit“ ist 2021 bei Kremayr & Scheriau erschienen.