Der optimierte Wagner, Teil 12: Ich, der Fakir
Wenig anderes entspannt uns so gut. Aber es tut weh. Wirklich weh. In der Dimension Sonnenbrand trifft Eisbad trifft Tattoostudio.

Oriana Fenwick
Wieso es uns so guttut, nackt auf einer stacheligen Matte zu liegen, warum es weh-tun muss und was es bringt, diesen bitter-süßen Schmerz ganz und gar auszukosten.
Spoiler: Weil wir unser ganzes System mit kaum was anderem so schnell runterfahren können wie mit einer Akupressurmatte, diesem bunten, gepolsterten Ding mit den paar tausend Kunststoffspitzen. Weil wir nach dem Liegen auf der Stachelmatte besser schlafen, wenn wir nicht sogar gleich darauf einpennen. Außerdem tun wir viel für unsere Herzratenvariabilität (HRV) und unsere Verdauung. Und wir lösen einen Leoparden in Luft auf.
Wir beginnen mit der Bedienungsanleitung: Man breitet die Matte aus und legt sich drauf, am besten mit nacktem Oberkörper. Fertig. Die Sache ist also überschaubar komplex. Aber sie ist nicht so einfach, wie es klingt. Denn es tut weh. Nämlich wirklich weh – in der Dimension Sonnenbrand trifft Eisbad trifft Tattoostudio. So sehr, dass man beim ersten Drauf legen glaubt, man hat was falsch gemacht, man hätte vielleicht einen Rückenprotektor anlegen sollen oder eine Schutzdecke über die Matte breiten, oder die Matte hat einen Schaden und der Produzent hat irrtümlich rostige Reißnägel verarbeitet und der Rücken ist jetzt blutüberströmt wie bei den Leuten bei diesen Karfreitagsprozessionen, die sich selbst geißeln.
Aber es blutet nix. Man macht alles richtig. Die Matte macht alles richtig. Es soll genau so wehtun am Anfang. Das ist sogar wichtig. Ich habe seit vielen Jahren so eine Matte, und ich finde sie immer großartiger. Die Matte ist das beste Powernapping-Tool, das es gibt: auf die Stacheln legen, binaurale Beats in die Ohren stöpseln (das sind minimal versetzte Klangfrequenzen, die dein Gehirn durch die Ohren resetten), Timer stellen. Du tauchst ab wie weggeknipst, und dreißig Minuten später bimmelt das Handy einen neuen Menschen zurück ins Leben.
Die Matte ist eine Sensation, wenn es darum geht, dich vorm Schlafengehen runterzubringen. Du hast abends noch Sport gemacht? Lang vorm Bildschirm gearbeitet? Irgendwas im Fernsehen hat dein Reptiliengehirn aufgestachelt, sodass es aufrecht in deinem Schädel steht wie ein Murmeltier auf Beobachtungsposten, mit scheinwerfergroßen Schreckaugen? Matte ausrollen, Leiberl runter, Licht aus, in die Decke mümmeln, und du schläfst wie ein, äh, Murmeltier.
Muskelkater, Rückenweh, Stress? Rauf auf die Matte, dazu ein bisschen Blimblim-rhabarber-rhabarber-Meditationsgebrabbel, nach ein paar Minuten geht der erste Stachelschmerz weg, du merkst, wie du dich seufzend in die Spitzen sinken lässt, wie der Rücken warm wird, ein leichtes Brennen vielleicht. Du fühlst dein Blut durch den Rücken pochen wie eine warme Meeresbrandung. Das Ding mit den Stacheln wirkt magisch. Und zwar nicht nur auf mich, sondern auch – noch beeindruckender – auf meinen Oura-Ring. Denn dieses intelligente Tool, mit dem ich meinen Schlaf vermesse (z.B. Körpertemperatur, Atemfrequenz, Puls, Herzratenvariabilität), ist begeistert, wenn ich auf den Stacheln einmütze: Der Ruhepuls fällt fünf bis zehn (!) Schläge pro Minute tiefer als sonst, die HRV steigt um locker 40 Prozent.
Für 40 Prozent mehr HRV verkauft dir jeder Biohacker seine Großmutter. Wie kann eine schaumstoff- (oder kokosfaser-)gefüllte Matte mit ein paar tausend Kunststoffspikes so unglaublich wirken? Das liegt, traditionell chinesisch erklärt, an den Meridianen, also den Energiebahnen, die unseren Körper durchziehen. Rund um unsere Wirbelsäule versammeln sich besonders viele Akupressurpunkte.
Werden sie angeregt, verstärken sie den Fluss des Qi in diesen Bahnen. Mehr Lebensenergie fließt also besser. (Gegen diese Erklärung spricht, dass von der Matte nicht nur einzelne Punkte gezielt aktiviert werden, sondern in der Art der Schrotflinte der ganze Rücken. Und dass viele der billigeren Matten, die oft stumpfe Spikes haben, so gut wie gar nichts bringen. Kaufempfehlung bei der Gelegenheit: eine gescheite Matte oder keine.) Die westlichere Erklärung – sie klingt für mich plausibler – setzt am Nervensystem an.
Dein Nervensystem atmet erleichtert auf und ruft den Parasympathikus zurück – rest and digest, und zwar all-in!
Wie wir wissen, hat unser Nervensystem zwei Betriebssysteme installiert: Sympathikus und Parasympathikus. Das eine ist für Aktivität zuständig („fight or flight“), das andere für Entspannung („rest and digest“). Die Matte reizt die Pole im Extrem aus. Sie macht das so: Der Schmerz der ersten Sekunden versetzt den Körper in systemische Todesangst. Der Parasympathikus ergreift die Flucht, der Sympathikus knipst alle Alarmlämpchen an und flutet den Organismus mit der höchsten Dosis an Stressbotenstoffen, die er auf die Schnelle zusammenbringt. Aus Sicht des Nervensystems bist du jetzt in der Lage, einem Leoparden davonzulaufen oder, wenn das nicht klappt, ihn wenigstens mit bloßen Händen zu erwürgen.
Aber nach ein paar Minuten kommt’s: Dein System kapiert, dass da gar kein Leopard ist. Kein Fauchen, keine Reißzähne. Niemand muss rennen oder würgen, man muss nur liegen bleiben auf dieser eigenartig stacheligen Unterlage. Dein Nervensystem atmet erleichtert auf und ruft den Parasympathikus zurück – rest and digest, und zwar all-in!*
*Es lohnt sich, dann zuzuhören. Denn ein paar Minuten später spricht dein Parasympathikus zu dir. Er ist nicht besonders eloquent, er kann nur glucksen und blubbern und gurgeln, aber was er dir in so eigenartigen Tönen in seiner Sprache zumurmelt, ist ein sehr einfacher Satz. Er sagt: „Jetzt ist alles gut.“ Und er hat recht. Wirklich.
STEFAN WAGNER ist Biohacker, das heißt, von dem Gedanken beseelt, Gesundheit und Leistungsfähigkeit von Körper, Geist und Seele durch verschiedenste Maßnahmen zu verbessern – um so länger und besser zu leben. Bis 120, hat er sich vorgenommen. Mindestens.
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Der optimierte Wagner, Teil 10: Biohacking für alle!
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