Tief in deinem Gehirnstamm, gleich hinter dem Ohr, wo die Gedanken tanzen, entspringt der Vagusnerv. Er ist der zehnte Gehirnnerv.

Als eine Art „Datenautobahn“ zwischen dem Gehirn und so gut wie allen wichtigen Organen schlängelt er sich abwärts Richtung Bauch. Auf seinem Weg liegen Herz und Lunge, ebenso wie Magen, Leber, Bauchspeicheldrüse, Darm und Nieren.

Sein Auftrag? Keine Kleinigkeit! Der Vagusnerv ist ein Strippenzieher. Er reguliert – oder vielmehr regiert – Verdauung, Atmung, Herzfrequenz und Entspannung. Besonderes letztere, die Entspannung, wird ganz stark mit dem Vagusnerv assoziiert, denn er ist der größte Strang im parasympathischen Nervensystem, also jenem Nervensystem, das der Regeneration und dem inneren Gleichgewicht dient.

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Der „Zehner“ flüstert deinem Herzen beruhigende Melodien zu, wenn es zu schnell schlägt, und er singt Wiegenlieder für deinen Bauch, wenn der grummelt und rumort. Und damit könnte die Geschichte von Vagusnerv auch schon zu Ende erzählt sein. Ist sie aber nicht.

Spricht man mit dem Therapeuten und Vagus-Spezialisten Jörg Fuhrmann, ist die Sache nämlich vielschichtiger: Das liegt schon einmal daran, dass diese „Datenautobahn“ in zwei Richtungen befahren wird.

„Achtzig-Zwanzig“, sagt Fuhrmann, „Das heißt: 80 % der Leitung wird benutzt, um Informationen vom Darmnervensystem hochzuschicken ans Großhirn – und nur 20 % der Information geht von oben nach unten“.

Dem Vagus ist's egal, der bespielt ohnedies beide Fahrbahnen. Aber wer bisher sehr stolz auf sein „kopfgesteuertes“ Leben war, muss diese Info jetzt erst mal verdauen. Im wahrsten Sinne des Wortes.

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Seine Faszination für den zehnten Gehirnnerv begleitet Jörg Fuhrmann schon lange. Es hat nur ein paar Jahre gedauert, bis der sympathische Wahl-Schweizer eins und eins zusammenzählte. „Ich habe schon sehr früh Autogenes Training gemacht und mich mit Hypnose beschäftigt“, sagt er, „Außerdem bin ich irgendwann als Autodidakt in den künstlerischen Bereich hineingerutscht. Und mit der Zeit hab ich gemerkt: Alles, was mir wirklich guttut, was mich in einen Flow-Zustand bringt, hat mit diesem Vagusnerv zu tun. Das war für mich der Schlüssel.“

Erst verstehen, dann aktivieren

Aber, wenn der Vagusnerv der Schlüssel zu unserem Wohlbefinden ist – wäre es da nicht praktisch, ihn mit ein paar einfachen Übungen im Alltag zu aktivieren und den Stress einfach zum Teufel zu jagen?

„Ja und nein“, sagt Fuhrmann, „Das ist erst der zweite Schritt. Zuerst muss ich verstehen, was sich in meinem Nervensystem abspielt. Die meisten Leute kriegen das gar nicht mit. Wenn ich es nicht mitkriege, kann ich noch so viele Übungen kennen. Mittlerweile gibt es ja Millionen Bücher mit Millionen Übungen. Wenn das alleine die Lösung wäre, dann hätten wir gar keine Probleme mehr. Aber bevor man eine Maßnahme setzen kann, muss man erst mal mitkriegen, was gerade im Inneren abläuft.“

Seinen Klienten rät Fuhrmann deshalb dazu, sich eine Landkarte ihres Nervensystems zuzulegen. „Neuro Mapping“ nennt er das: die eigenen Reaktionen und Verhaltensmuster den jeweiligen Zuständen des autonomen Nervensystems zuordnen.

Bin ich im Flucht-oder-Kampf-Modus? Bin ich im Freeze-Modus (also einer Art Schockstarre)? Oder läuft alles super und ich bin im Modus von Sicherheit, Ruhe und Verbundenheit?

Jörg Fuhrmann
Jörg Fuhrmann ist Vagusnerv-Experte, Therapeut und Supervisor

© freiraum-Institut

Was ich zuordnen kann, kann ich versuchen zu regulieren. Mit Atemtechniken, mit Tapping (EFT), mit der Massage von Druckpunkten im Ohr. Oder auch einfach mit dem Gedanken an meine liebevolle Großmutter.

„Das ist es natürlich eine sehr individuelle Sache. Es gibt keine One-Size-Fits-All-Lösung. Dem einen reicht vielleicht schon, die Situation wahrzunehmen und zu benennen, bewusst auszuatmen oder mit einer reduzierten Atmung zu atmen (Stichwort: Buteyko-Atmung). Andere benutzen einen bestimmten Duftstoff. Selbstumarmung kann helfen. Oder summen.“

All das könne im Akutfall Nervennahrung sein. Langfristiger gedacht, lässt sich der Vagusnerv auch trainieren.

Wie kann ich mir den Vagusnerv in Stress-Situationen zum Verbündeten machen?

Jörg Fuhrmann empfiehlt dafür eine Art Konditionierung:

  • Erinnere dich an eine Situation, in der du wirklich das Gefühl hattest, ganz bei dir angekommen zu sein. Du warst ganz im Moment, es ging dir gut. Hol diese Situation wieder hervor. Schließe dabei die Augen, nimm eine entspannte Haltung ein und dann erforsche einmal deinen Körper: Wie fühlt sich das an?

  • Mach das mehrmals am Tag, es muss gar nicht lange sein, aber hol dieses Gefühl immer wieder zu dir.

  • Verknüpfe dieses Gefühl mit einer Körperhaltung, die du jedes Mal einnimmst, wenn du dich auf das Gefühl einlässt, z.B. die Arme hinter dem Nacken verschränken. What fires together, wires together: Lass dein Gehirn die Körperhaltung und das Wohlgefühl verknüpfen.

  • Du kannst das nutzen, wenn du in einer Situation schnell Zugriff auf ein positives Gefühl haben möchtest, also z.B. im Meeting mit dem unangenehmen Chef die Arme hinter dem Nacken verschränken.

Nachsatz:
„Auch da gilt: Man muss merken, wie es um das eigene Nervensystem bestellt ist und die Körperhaltung frühzeitig einsetzen. Wenn das Kind schon mal in den Brunnen gefallen ist, reicht das nicht mehr aus. Aber in manchen Situationen kann es durchaus ein probates Mittel sein.“

Mit Klang zu mehr Grundgelassenheit

Eine andere Methode, dem Nervensystem mehr Gelassenheit beizubringen, ist mit dem sogenannten Klangprotokoll (Safe and Sound Protocol, kurz: SSP) des US-amerikanischen Psychiaters Stephen Porges.

Das SSP ist eine musikgestützte Therapie, bei der speziell gefilterte Musik über Kopfhörer gestreamt wird. Diese Musik betont mittlere Frequenzen, die mit der menschlichen Stimme assoziiert sind und Sicherheitssignale vermitteln. Gleichzeitig blendet sie das tiefe Brummen unserer Umgebung aus.

„Staubsauger, LKWs, Lüftung, Mixer – unsere Umgebung ist voll von Geräuschen. Immer brummt irgendwo etwas“, sagt Jörg Fuhrmann, „Das erzeugt in uns unbewussten Dauerstress. Denn tiefes, andauerndes Brummen verbinden wir mit Gefahr: mit Raubtieren, mit Donnergrollen, Erdbeben. Dauerstress fürs Nervensystem.“

Hier kommt das SSP ins Spiel: Es trainiert die Mittelohrmuskulatur dahingehend, dass sie auch im Alltag die Brummerei ausblenden kann. Damit fällt einer der Stressoren unseres modernen Lebens weg. Fuhrmann: „Das ändert nichts an anderen Stress-Triggern: Wir bekommen immer noch Briefe vom Finanzamt, haben doofe Chefs und Millionen visueller Reize.“

Aber wenn der akustische Stressfaktor wegfällt, ist schon mal viel erreicht. Dann werden Ressourcen frei, um den Finanzamtbriefen mit etwas mehr innerer Ruhe die Stirn zu bieten. Das SSP ist übrigens als App verfügbar (kostenpflichtig).

Salzburger Gesundheitstage

Salzburger Gesundheitstage

Das Gespräch mit Jörg Fuhrmann fand im Rahmen der 2. Salzburger Gesundheitstage von 14.-15. März 2025 statt. (Mehr von den Salzburger Gesundheitstagen liest du hier.)