Heute ersuche ich Sie um die Teilnahme an einem Experiment, das eine Woche dauert, aus zwei Teilen besteht und – versprochen! – Ihr Leben nicht nur verändern, sondern auch verlängern wird.

Teil eins, morgens: Gehen Sie eine Woche lang jeden Morgen ins Freie. Lassen Sie Ihre Augen das Morgenlicht aufnehmen, ohne Brille, ohne Kontaktlinse, ohne Fensterscheibe zwischen Pupille und Welt. Fünf Minuten pures Licht reichen vorläufig, zehn sind besser. Sie können daneben Kaffee trinken, telefonieren, ganz egal. (Noch besser wäre, Sie machen ein Mini-Workout, schlürfen zwei rohe Eier und knabbern Cashews und Kakaonibs, aber ich will nicht unverschämt sein.) Ihre Augen sollen ein paar Minuten lang echtes Licht tanken, bewölktes Licht, regnerisches Licht, egal. Natürliches Sonnenlicht muss es sein.

Teil zwei, abends: Kaufen Sie sich eine orange gefärbte Brille, je dunkeloranger, desto wirksamer. Setzen Sie die jeden Abend auf, zwei, besser drei Stunden vorm Schlafengehen. (High-End-Brillenlösung: „Prisma“. Für den Anfang reicht auch ein klappriges 12-Euro-Ding, zum Beispiel „Infield“.) Schauen Sie dann keine Sekunde mehr mitungeschütztem Auge in eine LED-Leuchte, auf einen Handy-Screen oder einen Monitor. Keine. Einzige. Sekunde. Sobald Sie Ihre Abende orange einfärben, verändert sich vieles in Ihrem Leben wie von Zauberhand. Sie werden erstens abends früher und angenehmer müde sein, zweitens tiefer schlafen, drittens erfrischter aufwachen, viertens wahrscheinlich ein bisschen Gewicht verlieren, fünftens besser gelaunt sein.

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Sie werden, wenn man den Erkenntnissen von allerhand Studien glauben darf, außerdem sechstens Ihre Augengesundheit verbessern und siebtens voraussichtlich länger leben, weil sich nämlich Ihre Chancen auf Krebs und Diabetes verringern.

Sie werden sich jetzt fragen, ob ich größenwahnsinnig geworden bin. Weniger Makuladegeneration, Krebs und Diabetes, besserer Schlaf und mehr Lebensfreude, nur weil Sie eine Woche lang an einem 5-Minuten-pro-Tag-12-Euro-Experiment teilnehmen, zu dem ich Sie einlade? Es hat nichts mit meinem Größenwahn zu tun. Es hat mit Ihrem Melatonin zu tun. Es hat damit zu tun, dass Sie eine Woche lang nicht aktiv verhindert haben, dass Ihr Körper Melatonin bildet.

Melatonin ist nicht nur das „Schlafhormon“, als das es jeder kennt. Es sorgt nicht nur dafür, dass Sie leichter ein- und tiefer durchschlafen. (Allein das würde es schon lebensnotwendig machen.)

Wir wissen mittlerweile auch, dass Melatonin Ihre kaputten Zellen repariert und Ihre Mitochondrienerfrischt (→ mehr Energie). Es braucht nur zwei Zutaten:

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  • Erstens Serotonin (das Glückshormon, das Ihr Körper aus der Aminosäure Tryptophan erzeugt, die er aus Cashews, Kakao oder Eiern holt).

  • Zweitens das richtige Licht, also in der richtigen Wellenlänge.

Damit sind wir bei unserem Experiment angelangt. Das Morgenlicht signalisiert Ihrem Körper, dass die Nacht vorbei ist. Er stoppt dann die Produktion von Melatonin. (Das ist vor allem im Winter wichtig, Stichwort Winterdepression.) Und er startet eine Art inneren 12-Stunden-Countdown, an dessen Ende er bereit ist, in den Ruhemodus zu schalten. Abends geben Sie Ihrem Körper mit der orangefarbenen Brille das Signal, dass der Tag vorbei ist. Dass es Zeit ist, Melatonin zu basteln, müde zu werden, ein- und durchzuschlafen, Zellen zu reparieren und so weiter. Je röteres und je dunkleres Licht die Ganglienzellen Ihrer Netzhaut erreicht, desto zuverlässiger wird Melatonin gebastelt.

Aber was tun Sie, wenn Sie Ihr Wohnzimmer mit LEDs und Energiesparlampen ausleuchten? Wenn Sie in den Computermonitor, aufs Handy oder in den Fernseher schauen? Richtig. Sie brüllen Ihren Körper an: Hell! Blau! Laut! Das ist ungefähr so clever, wie eine Trash-Metal-Band zu engagieren, um Ihr Kind in den Schlaf zu singen. Hören Sie damit auf. Gehen Sie morgens raus. Setzen Sie abends so eine dämliche Brille auf. Gute Nacht!

Stefan Wagner

Foto: Martin Kreil

STEFAN WAGNER ist Biohacker, das heißt, von dem Gedanken beseelt, Gesundheit und Leistungsfähigkeit von Körper, Geist und Seele durch verschiedenste Maßnahmen zu verbessern – um so länger und besser zu leben. Bis 120, hat er sich vorgenommen. Mindestens.

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