Der optimierte Wagner, Teil 18: Wir behandeln unsere Gehirne wie Idioten
Einverstanden, wenn wir heute ein wenig an Ihrer Karriere arbeiten? Mit diesen zehn Tipps von Andrew Huberman geht ganz einfach. Wirklich. Außerdem: Steuern sparen mit einer Baseballkappe.

Oriana Fenwick
Unser Gehirn ist jener Körperteil, über den wir am wenigsten wissen. Bei vergleichbarer Tiefe der Erforschung von Beinen und Lunge wären wir noch nicht sicher, ob es am Start eines Marathonlaufs die Leistung fördert oder hemmt, sich eine Kniescheibe zu brechen und eine Zigarette zu rauchen. Es wäre auch üblich, rückwärts zu laufen, einige würden sich die Beine vor dem Lauf zusammenbinden, und an Labestationen würden Frittiertes und Schnaps gereicht. Ich übertreibe da jetzt erstaunlich wenig.
Wenn es um die Nutzung unserer geistigen Leistungsfähigkeit geht, humpeln wir kettenrauchend und mit zertrümmerten Kniescheiben durch den Marathon unserer Arbeitstage. Wir behandeln unsere Gehirne wie Idioten. Es sind Leute wie Andrew Huberman, die daran arbeiten, dass das endlich aufhört. Dass wir unsere Gehirne endlich kapieren und dass wir – wichtiger noch – endlich lernen, sie vernünftig zu benützen.
Huberman ist Neurowissenschaftler und Professor an der Stanford University. Zuletzt hat er zusammengefasst, was wir nach aktuellem Stand der Wissenschaft tun können, um unsere Konzentration, Kreativität und Denkleistung an einem ganz normalen Arbeitstag intelligent zu fördern:
Konsumieren Sie in den ersten dreißig bis sechzig Minuten nach dem Aufstehen Sonnenlicht. Echtes, ungefiltertes Sonnenlicht. Kein Fensterglas, keine Brille (schon gar keine Sonnenbrille!) zwischen Ihrem Auge und dem Tageslicht. Ein Turbo für den ganzen Tag.
Umgeben Sie sich in den ersten sechs bis neun Stunden nach dem Aufstehen überhaupt mit so viel Licht wie möglich. Alles, was Sie gerade noch nicht blendet, ist gut (wenn Sie dunkle Augen haben, vertragen Sie mehr Helligkeit als Ihre helläugigen Freunde). Achten Sie darauf, dass die Lichtquelle vor Ihnen und über Ihnen platziert ist, nicht unter Augenniveau. Das hat mit fotosensitiven Ganglienzellen, Ihrem Auge und dem Hypothalamus zu tun (Sie brauchen sich das aber nicht zu merken).
Sie haben die Möglichkeit, an einem Fenster zu arbeiten? Tun Sie das! Wenn Sie das Fenster öffnen, verstärkt sich die positive Wirkung des Lichts um den Faktor 50 (fünfzig!).
Ihr Gehirn bevorzugt vormittags und mittags analytische, präzise Arbeiten. Nachmittags gelingen ihm dann kreative Aufgaben besser. Also vormittags Steuererklärung, nachmittags Liebesbrief, nicht umgekehrt.
Ändern Sie die Beleuchtung ab dem Nachmittag: Das Licht soll dann tendenziell von unten kommen, nicht mehr von oben. Lassen Sie abends überhaupt alle hellen Deckenbeleuchtungen weg.
Nützen Sie den „Cathedral Effect“: Räume mit hoher Decke fördern Ihre Kreativität – Endausbaustufe ist Arbeiten unter freiem Himmel. Je höher der Raum, in dem Sie arbeiten, desto freier, weiter und offener werden Ihre Gedanken.
Das gilt auch umgekehrt. Je niedriger der Raum, in dem Sie arbeiten, desto effizienter lösen Sie Aufgaben, die mit Zahlen, Details, Analysen zu tun haben. Sie haben keinen niedrigen Raum zur Verfügung? Eine Baseballkappe aufzusetzen erzeugt denselben Effekt: Tatsächlich gelingt die Arbeit an Ihrer Steuererklärung besser, wenn Sie dabei eine Baseballkappe tragen.
Die Hälfte Ihres Schreibtischtages zu sitzen ist okay. Mehr nicht. Die andere Hälfte sollten Sie stehen.
Ärgster Tipp: Richten Sie den Fokus Ihres Blickfelds nach unten, verlieren Sie Wachsamkeit und Konzentration und werden müder. (Also wenn Sie zum Beispiel aufs Handy schauen. Lassen Sie das mal sickern.) Ihr Arbeitsmonitor sollte deshalb mindestens auf Augenhöhe sein, besser sogar ein wenig erhöht.
Der unangenehmste Wachsamkeitstipp: Wenn Sie einmal eine Nacht durcharbeiten müssen, trinken Sie einen Liter Wasser und verbieten sich, in der nächsten Stunde Pipi zu gehen. (Ja, der Pipitrick ist Neurowissenschaft: Ihre Blase ist mit Ihrem Gehirn verbunden.)
STEFAN WAGNER ist Biohacker, das heißt, von dem Gedanken beseelt, Gesundheit und Leistungsfähigkeit von Körper, Geist und Seele durch verschiedenste Maßnahmen zu verbessern – um so länger und besser zu leben. Bis 120, hat er sich vorgenommen. Mindestens.
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Wie du besser, gesünder und länger lebst –Podcast mit den Biohackern Andreas Breitfeld & Stefan Wagner
Nimm dein Leben selbst in die Hand. Mach es schöner, länger, intensiver, spannender und lebenswerter und verbessere dadurch die Welt. Das ist die einfache, aber schöne Idee hinter dem Begriff „Biohacking“, um den sich diese Podcast-Folge dreht. Weiterlesen...