Heute möchte ich es Ihnen unbequem machen. Mein eigenes Leben ist ja deutlich weniger komfortabel als vor fünfzehn Jahren. Kalt zu duschen und im Eiswasser zu baden, Frühstück und Mittagessen auszulassen, mich morgens sieben Minuten lang mit Kettlebells, Hanteln oder Widerstandsbändern auszupumpen, wochenlang auf Schokolade, Brot und Nudeln zu verzichten – solche Sachen wären mir vor dem Beginn meiner Biohacking-Reise nicht nur nicht eingefallen. Ich hätte jeden für vertrottelt gehalten, dem sie eingefallen wären.

Ich lag gründlich falsch. Ich habe in den letzten fünfzehn Jahren gelernt, wie gut es mir tut, wenn ich es mir zwischendurch nicht gut gehen lasse. Damit Sie mich jetzt nicht für einen Idioten halten, bringe ich zwei Begriffe ins Spiel. Zuerst Hormesis, den kennen Sie vielleicht noch nicht. Der bezeichnet das Phänomen, dass schädliche Reize in kleinen Dosen positive Wirkungen auf uns Menschen haben. (Zum Beispiel verdanken ganz viele der sekundären Pflanzenstoffe ihre Wirkung der Tatsache, dass sie eigentlich Giftstoffe sind.)

Und ich bringe den Begriff Resilienz ins Spiel. Den kennen Sie sicher. Er ist zuletzt erheblich in Mode gekommen, was wahrscheinlich damit zu tun hat, dass die Resilienz als Eigenschaft insgesamt ein wenig verloren gegangen ist, man könnte sagen: Wir sind eine ziemlich unresiliente Gesellschaft geworden, zuletzt.

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Resilienz bezeichnet unsere natürliche Fähigkeit, aus eigener Kraft auf fordernde äußere Impulse zu reagieren. Das können psychische oder physische Impulse sein, die Steuernachzahlung, das misslungene Date, der leere Kühlschrank, die Angst vor der Präsentation oder vorm Weltuntergang, der überraschende Schneesturm bei der Bergwanderung. Resilienz macht uns stärker, gelassener, ruhiger, besonnener.

Resilient zu sein ist ein bisschen wie mit dem Schicksal tanzen zu können oder, besseres Bild, als Rodeoreiter im Sattel zu bleiben, auch wenn das Leben mal einen auf Wildpferd macht. Resilienz will nichts und niemanden besiegen. Resilienz akzeptiert die Übermacht einer Bedrohung und macht das Beste aus ihr. Resilienz ist nicht nur elegant – sie ist eine zentrale Überlebensfähigkeit: Ohne Resilienz hätten unsere Vorfahren keinen einzigen Hungerwinter in einer Höhle überstanden, vor deren Eingang wilde, ebenso hungrige Tiere lauerten.

Heute hat Resilienz weniger mit zugeschneiten Höhlen und hungrigen Wölfen zu tun als mit Nudeln, Eiswasser und Tabata-Training. Denn genauso, wie sich Resilienz abtrainieren lässt, durch Dauerfuttern, durch Herumhocken in klimatisierten und überheizten Räumen, durch den Anorak, den wir uns überziehen, wenn wir nur zum Postkasten rausmüssen, durch jeden Schritt auf dem Weg des geringsten Widerstands … Genauso, wie wir Resilienz verlernen können, genauso lässt sie sich trainieren. Und das ist, was wir Biohacker ziemlich oft tun.

Wenn wir uns der Hitze einer Sauna aussetzen oder der Kälte eines Eisbads, wenn wir unsere Muskulatur und unser Herz-Kreislauf-System für ein paar Minuten überlasten, wenn wir unseren Hunger ein paar Stunden auskosten, statt ihm sofort nachzugeben, wenn wir unseren Stoffwechsel tageweise von der Zuckerpipeline abstoppeln, wirft unser Körper den Resilienzmotor an: Er bildet Hitzeschock-Proteine, recycelt müde gewordene Zellen und baut neue Muskeln, wenn die alten an ihre Belastungsgrenzen gekracht sind.

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Jede Komfortzonengrenze, die wir übertreten, wird ein wenig nach außen verschoben: Wir lernen, mit der nächsten Hitze, der nächsten Kälte und mit dem nächsten Hunger ein bisschen besser umzugehen. Unser Geist lernt, auch außerhalb der Kuscheligkeit der Komfortzone in Bewegung zu bleiben. Biohacking ist ganz oft ein Spiel mit den Grenzen unserer Komfortzonen. Also: Duschen Sie kalt, lassen Sie Mahlzeiten aus, sagen Sie „Ich!“, wenn es darum geht, wer die Präsentation vor dem Vorstand hält. Gehen Sie den Kilometer zum Supermarkt zu Fuß und lassen Sie das Auto stehen. Laufen Sie auf der Stelle, bis Ihnen das Herz in den Schläfen pocht. Es ist nicht verrückt. Es tut Ihnen gut. Machen Sie es sich unbequem!

Stefan Wagner

Foto: Martin Kreil

STEFAN WAGNER ist Biohacker, das heißt, von dem Gedanken beseelt, Gesundheit und Leistungsfähigkeit von Körper, Geist und Seele durch verschiedenste Maßnahmen zu verbessern – um so länger und besser zu leben. Bis 120, hat er sich vorgenommen. Mindestens.

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