Der optimierte Wagner, Teil 17: Der Hacker und der Gentest
Wie gut kennen Sie sich eigentlich selbst? Und: Haben Sie eine Bedienungsanleitung?

Oriana Fenwick
Ein Gentest ist eigentlich Grundausstattung für den (auch nur ansatzweise) ambitionierten Biohacker, in der Selbstverständlichkeit auf einem Level mit Oura-Ring, Vitamin-D-Tropfen, kalter Dusche und Wasserfilter. Und irgendwie ist das ja auch logisch: In Ihrer Genetik sind die Spielregeln Ihres Lebens niedergeschrieben. Wer seine Genetik nicht kennt, läuft relativ konkret Gefahr, auf dem Fußballfeld seiner Gesundheit mit Skischuhen herumzustapfen. Oder mit Fußballschuhen am Start der Streif zu stehen.
Ich hab ja jahrelang keinen Test gemacht. Was zum Teil an meiner Dummheit liegt (ist genetisch bedingt, erklär ich gleich), zum Teil an einer Art diffusem Schissertum, weil vielleicht mag man ja gar nicht wissen, was da rauskommt. Und zum Teil weil: Was mach ich mit einer Überaktivität im rs2606345 des CYP1A1?
Ich hab jetzt doch einen Test gemacht. Der Anbieter, für den ich mich entschieden habe, sitzt in München, ihr „Intelligene“- Test kostet 600 Euro und funktioniert deppeneinfach: Man kriegt eine Box nach Hause geschickt, man rubbelt sich mit einem Wattestäbchen ein bisschen Speichel von der Wange und tropft ein bisschen Blut in eine Eprouvette, steckt das alles in die vorfrankierte Rücksendebox und wartet zwei Wochen. Dann kriegt man die Ergebnisse.
Bei mir umfasst die Auswertung 38 Seiten. Für die guten Nachrichten hätten drei oder vier Seiten auch genügt. Ich weiß jetzt zum Beispiel:
Meine körpereigene Entgiftung sorgt dafür, dass Giftstoffe zu schnell verstoffwechselt werden, um ausgeschieden werden zu können. Ich neige also dazu, mich in einer Art Perpetuum mobile der Schadstoffe selbst immer wieder neu zu vergiften. Ein konventionell angebauter Apfel ist für mich ungefähr so gesund wie eine Zigarette.
Jene Gene, die dafür verantwortlich sind, die Wohlfühlhormone Dopamin und Serotonin abzubauen, sind bei mir übermotiviert. Das sorgt für eine novemberartige Grundstimmung im Leben, verschafft mir eine Genialität im Prokrastinieren und macht mich zu einem Supertalent für alles, was mit Süchten zu tun hat.
In der Steuerung des Entzündungsgeschehens meines Körpers bin ich ungefähr so virtuos wie ein betrunkener Lkw-Fahrer, dem man auf einer peruanischen Bergstraße die Augen verbunden hat.
Mein Gehirn neigt dazu, relativ schwer von Begriff und vergesslich zu sein.
Unterm Strich: Ich bin nicht zu beneiden. Und ich sage Ihnen: Es ist super – also nicht, dass alles so ist, wie es ist, sondern dass ich das jetzt alles weiß. Denn es gibt nicht nur die Genetik, sondern auch die Epigenetik. Epigenetik ist das Fremdwort dafür, wie ich mit meiner genetischen Disposition umgehe, also wie sehr ich gewisse Gene aktiviere oder andere deaktiviere.
Man könnte es so erklären: Genetik definiert die Rahmenbedingungen unserer Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Langlebigkeit, Epigenetik ist das, was wir daraus machen. So wie Real Madrid und die Reservemannschaft des FC Oberhaxing nach denselben Regeln spielen, aber dann doch was anderes dabei rauskommt.
Ich weiß jetzt, was für mich wirklich, wirklich wichtig ist: B-Vitamine, N-Acetyl- Cystein, Omega-3, Lecithin, Glycin, Arginin zum Beispiel. Ich weiß, welche Untersuchungen ich regelmäßig machen muss. Und ich weiß: Man kann 120 werden, auch wenn man mit Secondhand-Genen auf die Reise geschickt wurde. Die Ergebnisse haben so sehr mein Leben verändert, dass ich Ihnen rate: Machen Sie das auch! Diese paar hundert Euro sind eine Investition, die sich hundertfach bewährt (vor ein paar Jahren haben diese Dinge tatsächlich auch das Hundertfache gekostet, die Wissenschaft ist da atemberaubend gut geworden).
Was ich Ihnen noch rate:
Nehmen Sie einen deutschsprachigen Anbieter. Es ist alles schon in der Muttersprache kompliziert genug.
Geben Sie sich mit der schriftlichen Analyse nicht zufrieden. Sie brauchen jemanden, der Sie fachkundig durch den Dschungel Ihrer Genetik führt.
Zeichnen Sie dieses Analysegespräch auf. Sie können sich unmöglich alles merken, was wichtig ist. Und es ist sehr vieles sehr wichtig!
STEFAN WAGNER ist Biohacker, das heißt, von dem Gedanken beseelt, Gesundheit und Leistungsfähigkeit von Körper, Geist und Seele durch verschiedenste Maßnahmen zu verbessern – um so länger und besser zu leben. Bis 120, hat er sich vorgenommen. Mindestens.
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Nimm dein Leben selbst in die Hand. Mach es schöner, länger, intensiver, spannender und lebenswerter und verbessere dadurch die Welt. Das ist die einfache, aber schöne Idee hinter dem Begriff „Biohacking“, um den sich diese Podcast-Folge dreht. Weiterlesen...