Heute geht es darum, Drogen zu nehmen. Klingt aber verwegener, als es ist, denn ich möchte Ihnen das Konzept von Microdosing vorstellen. Beim Microdosing werden Drogen genommen, aber in so winzigen Dosen, dass Sie keine unmittelbare Wirkung spüren, höchstens eine subtile Andeutung rund um die Placebo-Grenze. Übersetzt in Alltagsdrogenmaßstäbe reden wir von einem Fingerhut Veltliner auf einen halben Liter Soda.

Biohacker schwören auf Microdosing: Es hebt die Laune, sagen sie, vertieft die Konzentration, belebt die Kreativität. Biohacker mit Hang zum Trübsinn sagen: Es verbläst die Gemütswolken wie ein Südföhn. Und das alles ohne Nebenwirkungen, ohne Abhängigkeiten oder solchen Murks, solange man es richtig macht. Und es ist nicht wahnsinnig schwierig, Microdosing richtig zu machen. Das sagen sie auch.

Bevor ich erzähle, wie es mir mit Microdosing ergangen ist, zwei Dinge, die ich nicht einfach so der Streberhaftigkeit wegen dahersage. Erstens: In Österreich und Deutschland ist das alles nicht erlaubt. Ich war daher in Deutschland (eine legale LSD-Variante) und Holland (Psilocybin). Zweitens: Wir reden von zu ernsthaften Substanzen, um damit Blödsinn anzustellen.

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Also nicht jetzt einfach ins Internet hopsen und auf knallbunt programmierten Seiten irgendeinen hergepanschten Scheiß zusammenkaufen und wahllos einwerfen. Wenn Sie an Microdosing denken, dann machen Sie sich bitte ordentlich schlau, und tun Sie generell nichts, was Sie nicht auch auf einer Polizeiwachstube tun würden.

Ich probierte zuerst LSD. Man sagte mir: einen Tropfen zu Beginn, nicht mehr, taste dich ran. Ich tastete mir mit zittrigen Fingern einen Tropfen aus der Pipette auf die Zunge, zittrig, weil ich mich fühlte wie ein Sechsjähriger, der im Supermarkt einen Kaugummi verstohlen in die Hosentasche schummelt, ich bin ja schon ein Schisser. Dann wartete ich. Das Ergebnis blieb überschaubar spektakulär. Zu Beginn spürte ich die Spannung, etwas getan zu haben, das zu Hause verboten ist. Als sich der Reiz des Verruchten aus der Magengrube verzogen hatte, begann das Warten auf Motivation, Kreativität und Fokus. Es blieb beim Warten. Ich tastete mich in den folgenden Tagen an zwei, drei Tropfen ran: selbes Ergebnis. Nicht jedes Mittel wirkt bei jedem gleich. Ich bin wohl nicht so der LSD-Typ.

Zweiter Anlauf: Psilocybin. Ich nahm – Stichwort herantasten – am ersten Tag ein halbes Gramm Pilzbröckchen. Das ist ungefähr die Menge, die man für eine mittelzarte Frau vorsieht. Ich bin ein unzarter Mann. Die Psilocybin-Pilzbröckchen sehen wie getrockneter verfaulter Apfel aus, riechenein wenig vermoderter als getrockneter verfaulter Apfel und schmecken, wie man es erwarten würde. Aber ein halbes Gramm, das kriegt man runter.

Ich kaute darauf herum, schluckte und wartete darauf, vergeblich auf Wirkung zu warten. Nach ein paar Minuten bekam ich aber das Gefühl, als hätte ich auf nüchternen Magen zwei Schluck Wein getrunken und wäre ein bisschen zu schnell aufgestanden. Ich dachte, zwei Schluck Wein und etwas zu schnelles Aufstehen hätte ich auch ohne tausend Kilometer Anreise zusammengebracht, aber: Wirkung. Immerhin. Nach ein paar weiteren Minuten passierte, was man sich vom Microdosing erzählt. Meine Stimmung veränderte sich, sachte, aber wahrnehmbar, in Richtung beiläufige Gelassenheit, heitere Leichtigkeit, unaufdringlicher Schaffensdrang (diese Kolumne wurde, Psilocybin-assistiert, vor dem Abgabetermin fertig).

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Ich verhielt mich, versicherte man mir, nicht anders als sonst. Auch war kein Verlangen nach Räucherstäbchen festzustellen. Ich war derselbe wie sonst, nur in der Welt war ein bisschen die Sonne aufgegangen. Meine innere Sonne ging auch nicht unter, als die äußere untergegangen war, es war ein wirklich netter Tag, mit ein wenig unwirklicher, aber glaubwürdiger guter Laune, die Welt mochte mich gerne, und ich mochte die Welt. Dass der letzte Satz jetzt so blumig wurde, dafür kann ich nichts. Das waren die Pilze.

Stefan Wagner

Foto: Martin Kreil

STEFAN WAGNER ist Biohacker, das heißt, von dem Gedanken beseelt, Gesundheit und Leistungsfähigkeit von Körper, Geist und Seele durch verschiedenste Maßnahmen zu verbessern – um so länger und besser zu leben. Bis 120, hat er sich vorgenommen. Mindestens.

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