Anm.: Dieser Selbstversuch entstand 2023.

Mein Sohn schickt mir via WhatsApp ein Bild aus dem Parlament. Zu sehen ist eine bekannte Politikerin. Ihr Blick birgt Erstaunen, gerade rollt sie irritiert mit den Augen. Am unteren Bildrand wird sie zitiert: „Ich sag’s Ihnen ganz offen: Ich habe überhaupt keine Lust, heute hier zu reden.“ Warum sie’s trotzdem tut, ist mir ein Rätsel. Lösen werde ich es nicht. Die Frage meines Sohnes, ob ich das gelesen m habe, beantworte ich mit Nein. Ich werde es auch nicht tun. Denn heute ist mein erster Fasttag. Ich verzichte aber nicht aufs Essen. Ich verzichte auf Nachrichten. Einen Monat lang, eine News-Nulldiät.

Von der Unterweisung zur Überlastung

Auf Wikipedia steht: „Unter Nachrichten … ist die regelmäßige Berichterstattung über aktuelle politische, wirtschaftliche, soziale, kulturelle, sportliche und sonstige Ereignisse in komprimierter Form zu verstehen.“ – So weit, so bekannt. Interessanter wird es, betrachtet man die Herkunft des Wortes „Nachricht“: Es geht auf „Nachrichtung“ zurück und hat seine Wurzeln im Frühneuhochdeutschen. „Nachrichtung“ bedeutete „Unterweisung“ und „Belehrung“.

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Man könnte also auch sagen, Nachrichten sollten uns schlauer machen. In meinem sprachwissenschaftlichen Lexikon folgt auf „Nachrichten“ übrigens der „Nachrichter“, was wiederum ein hübscherer Ausdruck für Henker ist. Die angeführte Definition von „Nachrichten“ gilt in Zeiten wie diesen auch für soziale Medien, wo wiederum eine interessante Annäherung an die ursprüngliche Bedeutung erkennbar ist: Facebook, Instagram und Co haben eindeutig „Nachrichtung“-Charakter, also etwas Belehrendes. Und daran, dass so mancher User den Hang zum „Nachrichter“ hat, haben wir uns gewöhnt …

Was Nachrichten für mich bedeuten, ist schnell erklärt: Ich bin süchtig danach und leide, wie die meisten Süchtigen, unter meiner Sucht. Wie ein starker Raucher, dessen erster Griff am Morgen – meist hustend – seinen Zigaretten gilt. Ich taste oft noch im Dunkeln nach dem Smartphone, um in aller Früh zu erkunden, was in den vergangenen Stunden passiert ist. Neugierig war ich schon immer, in meinen Jahren als Journalist bei diversen Tageszeitungen waren Nachrichten mein täglich Brot. Immer galt es, als Erster mehr zu wissen. Das ist mir geblieben.

Zuletzt litt ich allerdings regelrecht an den Nachrichten, an dem immer gleichen Trauerspiel aus Krieg, Corona und Teuerung. Und ich litt daran, all dies wie eine Prüfung hinnehmen zu müssen. Oder, wie es der Kabarettist Klaus Eckel in einem seiner Programme formuliert: „Dauernd erfahre ich von der Welt und kann überhaupt nichts ändern.“ Die Folgen: Frust, Belastung und das Gefühl, dass mir dieses Wissen nichts hilft, sondern mir bestenfalls den Tag vermiest, mir im schlimmsten Fall Angst macht. Lange dachte ich, ich wäre einer von wenigen, die unter Nachrichten leiden. Stimmt aber nicht.

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Bevor ich mich aufs Nachrichtenfasten verlegte, las ich von einer Studie, an der weltweit mehr als 90.000 Menschen teilgenommen haben:

  • 38 Prozent der Befragten gaben an, dass sie „oft oder gelegentlich“ Nachrichten vermeiden würden,

  • 36 Prozent sagten, dass die Nachrichten auf ihre Stimmung drückten.

  • 29 Prozent bezeichneten sich sogar als „erschöpft von der Menge der Nachrichten“.

  • Und 16 Prozent bestätigten Klaus Eckels Einschätzung, dass „es nichts gibt, was ich mit den Informationen tun kann“.

Also: Pause machen. Nachrichten fasten.

Wolfgang Wieser Nachrichtenfasten
Wolfgang Wieser, 60, ist bekennender Nachrichten-Junkie. Das macht ihn zwar schlau, aber unglücklich. Deshalb fasste er eine radikale Lösung ins Auge …

Anna Kliewer

Tag 1

Alle Nachrichten-Apps sind in einen Ordner gepackt, den ich in den Untiefen meines Smartphones versteckt habe, Newsletter und Breaking News sind abbestellt. In den nächsten Wochen werden sich Zeitungen ungelesen in meinem Büro stapeln. Kein Problem sind die TVNachrichten. Ich sehe kaum noch fern.

Tag 2

Als ich morgens einen Blick auf mein Smartphone werfe, stelle ich fest, dass ich doch nicht alle Mitteilungen gesperrt habe. Das hole ich nach. Würde ich nicht Nachrichten fasten, hätte ich bereits ORF, Facebook, Instagram und Twitter durchkämmt, im Schnelldurchgang, um zu sehen, ob ich in den Nachtstunden etwas versäumt habe.

Tag 3

Kurz vor acht steige ich ins Auto. Ich drehe das Radio auf, um das Morgenjournal zu hören: „Die Gewerkschaft verlangt – “. „Nein“, schießt es mir durch Kopf, „Radio aus, sofort.“ Beim Mittagessen sprechen Kollegin Irene und Kollege Michael darüber. Ich halte mir die Ohren zu und singe la la la, la la la. Kindisch, aber konsequent. Michael grinst und wirft mir eine der Tageszeitungen zu, die auf dem Tisch liegen. Mit geschlossenen Augen schiebe ich sie retour. Nix mitgekriegt, ich bin schon am dritten Tag auf dem besten Weg zum Nachrichtenfasten-Routinier. Bin ein bisschen stolz. Statt abends durch Facebook und Co zu scrollen, schreibe ich ein Gedicht:

Es macht der Schelm sich niemals Sorgen,
Fesch reimend pfeift er auf das Morgen.
Küsst freudig den Spiegel, den blanken,
Herrlich ist’s, so frei von Gedanken!

Tag 7

Ich habe gelernt, mit einem „Pling!“ aufpoppende Newsletter, deren Ursprung ich bisher nicht ausmachen konnte, in Sekundenbruchteilen zur Seite zu schieben und so aus meiner Wahrnehmung zu verbannen. An Tageszeitungen gehe ich vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen.

Tag 9

Ich sitze im Zug. Noch sechs Minuten bis zur Abfahrt. Im Abteil neben mir unterhalten sich zwei junge Frauen über Skispringen auf Kunstrasen. Schrecklich sei das anzusehen, meint die eine. Ich überlege, ob das unter Nachrichten fällt, entscheide jedenfalls, zuhören zu dürfen. Es gibt Sinnloseres und Schmerzhafteres als das Springen auf Matten. „Mitdenken!“, meldet sich mein Fasten-Ich, „Klimawandel! Hallloooo?!“ Ärgerlich, auch Sport-Smalltalk kann das Nachrichtenfasten gefährden.

Tag 11

Ich denke nicht mehr an meine Nachrichten-Apps.

Tag 12

Die wichtigste Nachricht heute: Meine Kaffeemaschine spinnt, ich entscheide mich für Assam-Tee. Gewohnheiten sind änderbar. Die Sonne scheint. Und mir scheint es, als würde ich langsam jedes Interesse an Nachrichten verlieren. Ging schneller, als ich gedacht hätte.

Tag 16

Vorgestern wusste ich nichts und hatte den ganzen Tag prächtige Laune. Gestern traf ich Nina. Sie lebt in Meran, entwirft inspirierende Designs und ignoriert Nachrichten jedweder Art. Das ist bemerkenswert, weil ihr Lebenspartner wie ich süchtig danach ist. Ich trinke mit Nina Kaffee, um mit ihr über ihre Art des Nachrichtenfastens zu sprechen.

Du ignorierst Nachrichten. Warum?
Weil sie mich belasten. Manche erwischen mich aber trotzdem, weil alle darüber reden oder ich direkt darauf angesprochen werde.

Das heißt?
Wenn mich ein Thema erwischt, also interessiert, dann setze ich mich auf meine Art damit auseinander: Ich beginne zu recherchieren, lese darüber, spreche mit Menschen, die ich für kompetent halte. An der Oberfläche zu kratzen ist mir dann zu wenig, ich versuche, in die Tiefe zu gehen.

Menschen verzichten auf Nachrichten, weil sie das Gefühl haben, dass sie nichts zu einer Wendung zum Guten beitragen können …
Ich habe die meiste Freude, wenn ich mein Umfeld gestalten, etwas bewegen kann. Das geht zumindest im Kleinen. Wenn ich Nachrichten konsumiere, fühle ich mich ohnmächtig. Ohne wache ich gut gelaunt auf und freue mich auf meinen Kaffee.

Wer handelt, ist glücklich, sagte die Philosophin Hannah Arendt. Nina hat das erkannt.

Tag 17

Tatsächlich war dieser Tag desaströs für mein Dasein als Nachrichtenfaster. Irene, die mir im Büro schräg gegenübersitzt, sagt aus dem Nichts: „Mick Schumacher ist nicht mehr in der Formel 1.“ Auf meinem Bildschirm poppt eine Nachricht auf. Aus dem Augenwinkel nehme ich den Namen wahr. Ein Fußballer, der mir früher wichtig war, ist gestorben. Beide Nachrichten lösen Lawinen an Assoziationen aus. Ich frage mich, wann mir Nachrichten schaden, was in meinem Gehirn vorgeht, wenn das Leid der Welt auf mich einprasselt. Ich beschließe, mit einem Experten darüber zu reden. Und ich entscheide mich, für jede Nachricht, die zu mir durchgedrungen ist, einen zusätzlichen Fasttag einzulegen.

Der Experte ist der Wiener Neurobiologe Bernd Hufnagl. Er sagt, unser Gehirn braucht ein Happy End.

Was ist damit gemeint?
Unser Gehirn nimmt alle Informationen auf, die da sind. Es fühlt sich auch von Nachrichten berührt, die uns im Alltag gar nicht belasten müssten. Die Angst startet automatisch. Vor allem wenn wir Nachrichten am Ende des Tages konsumieren. Dabei ist der letzte Eindruck entscheidend, ein Happy End ist wichtig.

Hilft Nachrichtenfasten?
Ja, weil wir uns beruhigen und erkennen, dass schlechte Nachrichten nicht zu einem persönlichen Drama führen. Würden wir nur einmal im Jahr Nachrichten konsumieren, würden wir die Trends wahrnehmen und nicht diese durch Mikrofluktuation ausgelöste Dramatik. Der Neuropsychologe Stephen Pinker hat übrigens die Trends der vergangenen Jahrhunderte analysiert. Seine Erkenntnis: Alles wird besser. Noch nie haben so wenige Menschen gehungert, noch nie gab es so wenige Gewalttaten. Diesen Eindruck erhält man aber nicht, wenn man Nachrichten konsumiert. Und deshalb ist Nachrichtenfasten gescheit, weil man damit die Chance hat, den Überblick zu bewahren.

Warum kann das unser Gehirn nicht?
Die Vermutung ist, dass wir instinktiv auf Gefahren reagieren, um zu überleben – ein Überbleibsel aus unseren Höhlentagen.

Zeitung am Teller
Mahlzeit.

Anna Kliewer

Tag 19

Ich muss den Newsletter des Schweizer „Tages-Anzeigers“ öffnen (ich habe mein Tablet nicht aufs Nachrichtenfasten vorbereitet). Nur zu gerne wüsste ich, was hinter der Schlagzeile „Auf Vorrat kalt duschen?“ steckt. Ich kann mir verkneifen, den Artikel zu lesen. Nach dem Ende des Nachrichtenfastens werde ich es tun – und enttäuscht sein: Es ist ein fades Gespräch übers Energiesparen.

Tag 30

Statt mich morgens, abends und immer wieder zwischendurch mit Neuigkeiten zu quälen, lese ich Bücher. Manchmal langweile ich mich. Schön ist das.

Kollege Michael nutzt noch immer jede Gelegenheit, um Nachrichten zu konsumieren, der Arme. „Ja, ich bin ein Nachrichtenjunkie“, sagt er. Ehrlich, wie er ist, gibt er zu, dass es aber auch ihn erstaunt, wie schnell die Sensation von gestern der Gleichgültigkeit von heute weicht.

Tag 34

Das Nachrichtenfasten ist zu Ende. Die ersten drei Nachrichten, die ich höre, handeln vom Ukraine-Krieg, von Corona und der Energiekrise. Alles wie immer. Eine erste Bilanz: Ich konsumiere Nachrichten seltener als zuvor, Facebook, Instagram und Twitter (X) habe ich noch kein einziges Mal verwendet, obwohl seit meiner Nulldiät fast ein Monat vergangen ist. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich etwas versäumt habe, und ich fühle mich, wie nach jeder gelungenen Diät, leichter.

Noch einmal konsultiere ich den Neurobiologen Bernd Hufnagl:

Ich habe das Gefühl, ich schlafe besser.
Nachrichtenkonsum vor dem Schlafengehen wirkt sich auf unsere Träume aus, und schlechte Nachrichten stressen uns.

Also empfehlen Sie Nachrichtenfasten?
Ja, weil es uns immer schwerer fällt, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Wenn wir uns ständig mit Nachrichten beschäftigen, glaubt unser Gehirn, alles habe Priorität eins. Was dazukommt: Wir überfliegen alles, wir verlernen zuzuhören, wir leben absolut oberflächlich. Wir glauben nur zu wissen, dass wir etwas wissen.

Ich habe mich für mehr als einen Monat Nachrichtenfasten entschieden – eine gute Vorgehensweise?
Es gibt kein Rezept, aber am Tag X zu beginnen, wie Sie es getan haben, ist eine gute Idee. Eine andere Möglichkeit wäre, es im Familienkreis ein Wochenende lang zu probieren. Im schlimmsten Fall stellt man fest, dass man gar nichts mehr miteinander anfangen kann, weil man sich nur noch mit sich selbst beschäftigt hat, das aber jetzt plötzlich bemerkt. Im Grunde genommen haben Sie eine Geduldsübung gemacht. Durch die Nachrichtenabstinenz entschleunigt man, die antrainierten Aufmerksamkeitsdefizite durch das ständige Nachrichten-Checken verschwinden. Wir lernen, wieder in die Tiefe zu gehen.

Am Ende

Vor mir liegt ein Stapel mit Zeitungen und Magazinen, die sich während meines Nachrichtenfastens angesammelt haben. Ich bin rasch durch. Der Großteil der Nachrichten hatte das Ablaufdatum überschritten. Am Ende rufe ich meinen Sohn an: „Erinnerst du dich noch an das Bild aus dem Parlament, das du mir vor ein paar Wochen geschickt hast? Von der Politikerin? Weiß du noch, was dich daran so empört hat?“ – „Welches Bild?“, fragt mein Sohn.