Der optimierte Wagner, Teil 1: Aus dem Leben eines Biohackers
Wie ein fünfzigjähriger Mann immer jünger wird – in der Wahrnehmung mancher Leute gleich um etwa 45 Jahre.

Bild: Oriana Fenwick
Ich bin das, was man einen Biohacker nennt.
Das Wort „Biohacker“ lässt sich offenbar so sperrig aussprechen, dass es im Alltagsgebrauch oft abgekürzt wird. Der Einfachheit halber sagen viele „Depperter“.
Das liegt daran, dass ich tue, was ein Biohacker tut: Ich versuche, meinen Körper und meinen Geist besser funktionieren zu lassen, ohne dass die Mehrheitsfähigkeit der dafür nötigen Interventionen eine Rolle spielt.
In der Praxis sieht das so aus: Ich schlafe auf einer wenige Zentimeter dicken Shiatsu-Matte auf dem Boden (evolutionär sind wir harte Unterlagen gewöhnt), liege auf einem Erdungsleintuch (das mich über die Steckdose mit der negativen elektrischen Erdladung verbindet), dusche nach dem Aufstehen fünf Minuten kalt (stärkt Willen und Immunsystem, dämpft niederschwellige Entzündungen), reinige die Zunge mit einem ayurvedischen Schaber und spüle den Mundraum zehn Minuten mit einem Esslöffel Kokosöl (nennt man Ölziehen, zieht Toxine wie ein Magnet aus dem Organismus), trinke einen halben Liter abgekochtes Wasser, danach mixe ich Butter, Kokosöl, ein Kokosöl-Extrakt sowie ordentlich Kurkuma in meinen Kaffee (wenn der Körper viel Fett zu sich nimmt und keine Kohlenhydrate, verbrennt er Fett), protokolliere in einem Tagebuch drei Dinge, für die ich dankbar bin (dankbar sein beglückt mein Reptiliengehirn), messe meine Herzratenvariabilität (und damit mein biologisches Alter, heute morgen war ich 32,4 Jahre alt, mit spätestens 55 will ich unter 30 sein), analysiere Details des Schlafs der vergangenen Nacht (ich habe da einen Ring, der meinen Schlaf misst und den ich wirklich sehr mag) und nehme die ersten 13 Nahrungsergänzungsmittel des Tages ein. Der Begriff Nahrungsergänzungsmittel ist unzutreffend, denn bis etwa 14 Uhr nehme ich nichts zu mir, was man ergänzen könnte. Wir Biohacker nennen das Auslassen des Frühstücks „intermittierendes Fasten“ oder, fortgeschritten, „16/8“. (Noch Fortgeschrittenere sagen „20/4“.)
Ich schlafe auf einem Erdungsleintuch, spüle morgens den Mundraum mit Kokosöl, trage tagsüber Barfußschuhe und trinke Kaffee mit Butter.

Wie du besser, gesünder und länger lebst –Podcast mit den Biohackern Andreas Breitfeld & Stefan Wagner
Nimm dein Leben selbst in die Hand. Mach es schöner, länger, intensiver, spannender und lebenswerter und verbessere dadurch die Welt. Das ist die einfache, aber schöne Idee hinter dem Begriff „Biohacking“, um den sich diese Podcast-Folge dreht. Weiterlesen...
Tagsüber verhalte ich mich unauffällig, abgesehen davon, dass ich drei weitere Male ein rundes Dutzend Nahrungsmittelergänzungen runterspüle und dass ich unabhängig von äußeren Einflüssen (geschäftlichen Terminen, gesellschaftlichen Verpflichtungen, Regen/Schneefall o. Ä.) Barfußschuhe trage (das Glück des Fußes, natürlich abrollen zu dürfen, kann nicht einmal ein Streusplittkiesel dauerhaft trüben) und versuche, immer ein wenig zu frösteln (stärkt Immunsystem, verbrennt Fett). Ich trage Wasser bei mir, das ich zu Hause gefiltert habe, selbst gebrauten Kombucha (für die Darmflora, unter uns „Mikrobiom“), in Thermoskannen Grüntee (Polyphenole), Chagatee (Antioxidantien) und selbst gemachte Knochenbrühe (nicht unter 48 Stunden geköchelt, enzymreich) mit einer solchen Menge Ingwer, dass ich die Brühe auf ihrem Weg durch meinen Verdauungstrakt sehr exakt verfolgen kann, eine Art Kontrastmittel sozusagen.
Manchmal bade ich in Bächen oder Seen.
Abends setze ich eine orange gefärbte Brille auf, einen sogenannten Blueblocker, um mein Auge vor dem Blaulicht künstlicher Beleuchtung, von Handy oder Fernseher zu schützen (wegen der Melatoninbildung).
Meine Helden heißen Wim Hof und Dave Asprey.
Asprey, ein Amerikaner, steht für mich überhaupt im Rang eines Religionsgründers.
Er hat den Begriff „Biohacking“ geprägt und den Bulletproof Coffee erfunden, wofür er in den Himmel kommen wird, aber nicht so bald. Denn Asprey ist 45 und sagt, er möchte 180 Jahre alt werden. Ob er das schafft, werde ich nie erfahren, denn ich bin jetzt 50, und an seinem 180. Geburtstag bin ich sicher schon ein, zwei Jahre tot.
Das war’s einmal grob fürs Erste.
Ab dem nächsten Beitrag werde ich versuchen, Ihren inneren Willen zur Selbstoptimierung schrittweise aus dem Unterbewusstsein zu kitzeln. Wir fangen am besten mit der Aktivierung des Darms an, mit einer kleinen Enzyklopädie des Magnesiums, mit der Wahrheit über Vitamin D oder den schmackhaftesten Insekten-Knabber-Tipps.
Man soll die Leser ja zu Beginn gleich mit den geilsten Themen anfixen.
Meine Biohacker-Essentials
Shiatsu-Matte
Erdungsleintuch
nach dem Aufstehen fünf Minuten kalt duschen
ayurvedischer Zungenschaber
Butter, Kokosöl, ein Kokosöl-Extrakt sowie ordentlich Kurkuma in den Kaffee mixen
Dankbarkeitstagebuch führen
Schlafanalyse mit Oura-Ring
Nahrungsergänzungsmittel nehmen
intermittierendes Fasten (bis 14 Uhr nichts zu sich nehmen)
Barfußschuhe tragen
immer ein wenig frösteln
gefiltertes Wasser, selbst gebrauten Kombucha, Grüntee, Chagatee und selbst gemachte Knochenbrühe trinken
manchmal in Bächen und Seen baden
Blueblocker-Brille tragen
STEFAN WAGNER ist Biohacker, das heißt, von dem Gedanken beseelt, Gesundheit und Leistungsfähigkeit von Körper, Geist und Seele durch verschiedenste Maßnahmen zu verbessern – um so länger und besser zu leben. Bis 120, hat er sich vorgenommen. Mindestens.
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Der optimierte Wagner, Teil 2: Und wie tracken Sie ihren Schlaf?
Über unsere große wankelmütige Liebe Schlaf. Und über das Symbol dieser Liebe: den strengen Ring, den wir tragen. Weiterlesen...