Diesmal ausnahmsweise etwas zum Eher-nicht-Nachmachen …

„Biohacking“ macht sich als Name ja ein bisschen wichtig, aber die Sache selbst ist sehr einfach: Biohacking besteht zu 70 Prozent aus No-Brainern, niemand bei halbwegs wachem Verstand wird zu Schlaf, Bewegung, Stress oder Ernährung eine andere Meinung haben als wir.

Auch die nächsten 25 Prozent von dem, was wir tun, stehen außer ernst zu nehmendem Streit. Wir sind der allgemeinen Zustimmung einfach ein paar Jahre voraus, zum Beispiel wenn es um Kälte, Licht und Nasenatmung geht, um Vitamin D, um Lithium, Magnesium und Nahrungsergänzung überhaupt, um Omega 3 und Omega 6, um den Wahnsinn gehärteter Fette oder hochverarbeiteter Lebensmittel.

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Die Zustimmung holt manchmal stotternder auf, als der Stand der Wissenschaft rechtfertigen würde, aber das ist eine Frage des Timings, keine des Prinzips.

Sie haben aufmerksam mitgerechnet. Da fehlt noch was: 5 Prozent.

Diese 5 Prozent sind unser Labor der Eigenverantwortlichkeiten, eine mixed zone aus Königsklasse und Telegram-Gruppe. Da geht es um Stoffe und Interventionen, die nicht oder nicht mehr oder noch nicht oder nur eingeschränkt behördlich zugelassen sind, in denen erstaunliche Benefits stecken, mit denen man aber auch richtig viel verkehrt machen kann: um Microdosing mit LSD oder Psilocybin (siehe hier), um Sachen wie DMSO, Borax, kolloidales Silber: kenntnisreich eingesetzt unter Umständen ziemlich hilfreich – wohingegen die Anwendung bei einem ungünstigen Verhältnis von Experimentierfreude, Motivation und Hintergrundwissen durchaus problematisch ist.

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Was ist Methylenblau?

Aktueller Star in dieser Zone ist eine chemische Substanz, die Sie kennen, wenn Sie sich mit dem Reinigen von Fischtanks oder dem Färben von Textilien oder Papier beschäftigen. Sonst eher nicht. Die Chemikalie wurde vor annähernd 150 Jahren erstmals synthetisiert, hat sich als eines der ersten künstlich hergestellten Arzneimittel historische Verdienste im Einsatz gegen Malaria oder Vergiftungen erworben, ist eine Flüssigkeit, die wie Kugelschreibertinte aussieht und schmeckt und Flecken verursacht, wie sie nur ein potentes Färbemittel verursachen kann.

Die Substanz heißt Methylenblau.

Methylenblau kann Mitochondrien boostern, freie Radikale dingfest machen, und es scheint der unnatürliche Feind des Brainfog zu sein. Es wird ziemlich optimistisch beforscht (unter anderem gegen Krebs), die Liste atemberaubender Studienergebnisse ist ebenso lang wie die Liste der Bedenken, viele davon haben mit unserem Serotoninhaushalt zu tun, und mit dem spielt nur ein Idiot freihändig herum.

Außerdem ist das meiste Methylenblau, das man angeboten kriegt, mit Schwermetallen belastet oder aus anderen Gründen Schrott.

Wie ich mit Methylenblau umgehe?

Ich bin ja tendenziell mehr so der 95-Prozent-Typ; ich war also skeptisch. Dann haben wir eine Podcast-Folge zum Thema vereinbart, ich habe mich daraufhin eingelesen, ein ordentliches Produkt besorgt, mir mit zittriger Hand drei Tropfen aus der Pipette auf die Zunge geträufelt, die für den Rest des Tages nach Schlumpfzunge aussah. Ich hatte übersehen, dass ich noch eine Onlinepräsentation zu halten hatte, ich weiß jetzt, dass wenig die Autorität eines Vortragenden so wirkungsvoll untergräbt wie eine schlumpfblaue Zunge.

Mittlerweile habe ich mich bei einer Dosis von fünf bis sieben Tropfen eingependelt, morgens, drei- bis fünfmal wöchentlich. Als Nootropikum funktioniert das Ding bei mir richtig gut, an Methylenblau-Tagen spüre ich mehr Fokus, mehr Energie in der Birne, deutlich mehr Klarheit. Manchen anderen Biohackern geht’s ebenso, wiederum andere lassen die Finger davon.

Und wenn Sie mich fragen, wie Sie mit Methylenblau umgehen sollen, frage ich zurück, ob Sie Ihre 95 Prozent schon im Griff haben.

Der Podcast „Die Biohacking-Praxis“ mit Profi-Biohacker Andreas Breitfeld und Hobby-Biohacker Stefan Wagner ist auf allen gängigen Kanälen zu finden.

Stefan Wagner

Foto: Martin Kreil

STEFAN WAGNER ist Biohacker, das heißt, von dem Gedanken beseelt, Gesundheit und Leistungsfähigkeit von Körper, Geist und Seele durch verschiedenste Maßnahmen zu verbessern – um so länger und besser zu leben. Bis 120, hat er sich vorgenommen. Mindestens.

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Sämtliche Kolumnen von Stefan Wagner findest du hier.