Der optimierte Wagner, Teil 16: Warum Eisschwimmen mit Eisbaden kaum vergleichbar ist
Vom Anfängerschwimmkurs im ewigen Eis.

Oriana Fenwick
Wir Biohacker mögen ja die Kälte wirklich. Nicht dass wir so durchgeknallt wären, sie zu mögen im Sinn von angenehm finden. Wir frieren im kalten Wasser genauso wie Sie, es sticht und brennt auf unserer Haut genau wie auf Ihrer, aber es gibt halt nix Besseres als die kalte Thermogenese, was soll man machen. Also duschen wir in der Früh kalt, pritscheln in der Badewanne mit ein paar Eiswürfeln herum wie Sie mit Ihrer Gummiente, joggen im Winter in Shorts oder planschen im See, manche von uns bauen ihre Tiefkühltruhe zur Badewanne um.
Und damit wir möglichst viel Gesundheit aus jedem Grad quetschen, folgen wir der thermogenetischen Faustregel „eine Minute pro Grad“ und baden 90 Sekunden bei 1,5 und 14 Minuten bei 14 Grad. So kalt, so gut. Doch es gibt etwas, das viel normaler und viel extremer, viel aufregender und viel unaufgeregter ist als alles, was wir tun. Die Rede ist vom Eisschwimmen, Betonung auf -schwimmen.
Eisbaden und Eisschwimmen, das ist wie Labor und Leben. Wusste ich bis vergangenes Wochenende auch nicht. Ich wusste nicht, was das für einen Unterschied macht, ob man pritschelnd im kalten Wasser auf der Stelle hockt oder ob man schwimmend eine Strecke überwindet.
Jetzt weiß ich es. Denn ich war bei Josef Köberl am Hintertuxer Gletscher, in einem Eishöhlensystem mit einem 50 Meter langen See drin. Dessen Wasser ist seit ein paar tausend Jahren eingesperrt und hat noch nichts davon gehört, dass es unter null Grad eigentlich frieren sollte: Es hat zwischen –0,3 und –1 Grad. Flüssiges Eis. Josef ist hier im Sommer über eineinhalb Kilometer geschwommen, 38 Minuten. Als er rauskam, hatte er eine Körpertemperatur von 27 Grad. Man könnte sagen: Wim Hof ist gegen Josef Köberl ein fröhlicher älterer Herr mit einer Vorliebe für milde Temperaturen.
Josef Köberl bietet hier Dreitageskurse im Eisschwimmen an, auf 3.500 Meter Höhe, im kältesten Süßwasser des Planeten. Man könnte sehr viel erzählen darüber, was man in drei Tagen erleben, durchleben und überleben kann und was das alles mit dem eigenen Leben macht, aber wir haben hier nur wenig Platz, daher das Wichtigste: Eisschwimmen macht demütig. Du lernst, dich sehr verwundbar zu fühlen und dich dieser Verwundbarkeit auszuliefern, weil die Kälte immer stärker sein wird als du. Du trotzt dieser Übermacht vielleicht ein paar Meter ab, aber der einzige Gegner, den du überwinden kannst, sind deine Ängste und deine Schmerzen. (Okay, die Schmerzen besiegst du nicht. Die gehen von selber weg, irgendwann.)
Eisschwimmen ist unfassbar hart, nicht nur beim Schwimmen. Es ist dir schon beim Ausziehen schrecklich kalt, und wenn du aus dem Wasser raus bist, zwingst du mit zitternden Fingern und blau bibbernden Lippen deine tauben Zehen, die sich anfühlen wie aufgeschürft, in kaltnasse Socken, die sich anfühlen wie Schmirgelpapier. Deine Finger sind zu klamm und tun zu weh, um dir die Schuhe zuzubinden, und Reißverschluss ist überhaupt Rasierklinge.
Eisschwimmen ist weiblich. An meinem Kurs nahmen zu zwei Drittel Frauen teil, darunter Els, 67, Rentnerin, die ins Wasser spazierte wie in ein Thermalbecken und den See rauf- und runterschwamm: 100 Meter. Als sie rauskam, lächelte und zitterte sie. Dann ich, 15 Jahre jünger, Biohacker. Nach 30 Sekunden Festklammern an der Leiter kletterte ich schmerzstöhnend wieder raus. Es gibt ein Handyvideo, auf dem sehe ich aus, als würde ich in einem Horrorfilm aus den Zwanzigerjahren einen Roboter mit Kurzschluss imitieren. Am dritten Tag des Kurses schaffte ich es, 25 Meter zu schwimmen. Das hatte ich mir vorgenommen, und ich hatte wirklich Angst davor. 25 Meter war die kürzeste Strecke der Gruppe. Die Frauen freuten sich so drüber, dass ich mein Ziel erreichte, dass mir noch jetzt beim Schreiben die Buchstaben vor den Augen ein bisschen verschwimmen.
Könnte sein, dass, wenn es um die wirklich harten Sachen geht, wir Männer doch noch ordentlich was lernen können. Das hier geht raus an Kathrin, Els, Betty, Kathrin, Barbara und Carmen, ihr wisst warum.
STEFAN WAGNER ist Biohacker, das heißt, von dem Gedanken beseelt, Gesundheit und Leistungsfähigkeit von Körper, Geist und Seele durch verschiedenste Maßnahmen zu verbessern – um so länger und besser zu leben. Bis 120, hat er sich vorgenommen. Mindestens.
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Nimm dein Leben selbst in die Hand. Mach es schöner, länger, intensiver, spannender und lebenswerter und verbessere dadurch die Welt. Das ist die einfache, aber schöne Idee hinter dem Begriff „Biohacking“, um den sich diese Podcast-Folge dreht. Weiterlesen...