Der optimierte Wagner, Teil 21: Testosteron für Frauen
Ja, genau. In dieser Kolumne geht es um Testosteron. Sie richtet sich ausnahmsweise vor allem an Frauen.

Oriana Fenwick
Sie wundern sich zu Recht über den Vorspann, weil Sie ja wissen: Testosteron ist das männliche Sexualhormon. Das heißt aber noch lange nicht, dass Sie es nicht haben! Auch wenn Sie als Frau vom Testosteron keinen Bart und keine tiefe Stimme kriegen und auch wenn Sie im Fitnesscenter keine Angst davor haben müssen, Muskelberge aufzubauen, dass Ihnen die Bluse platzt, weil Sie nämlich viel weniger Testosteron haben als ein Mann: Sie haben es trotzdem.
Und da sind wir jetzt beim Punkt. Denn Testosteron steuert ganz vieles, was Männer und Frauen gleich gut brauchen können: Lebensfreude, Antrieb, Libido, Arbeitseifer zum Beispiel. Achten Sie bitte grundsätzlich darauf, dass Ihre Hormone passen – und lassen Sie, wenn Sie den Füllstand Ihres Lebensfreude-Tanks checken wollen, nicht nur die bekannten Glückshormone regelmäßig beim Arzt messen (er nimmt Ihnen dafür wahrscheinlich mehr Harn als Geld ab, solche Tests können meist recht gut über die Kasse abgerechnet werden), sondern eben auch Testosteron.
Warum ich da jetzt ein bisschen pushy bin? Der durchschnittliche gemessene Testosteronspiegel in der Bevölkerung ist in den letzten Jahren und Jahrzehnten dramatisch gesunken. Je nach Studie in den letzten zwanzig bis fünfzig Jahren um 20 bis 50 Prozent. Die Ergebnisse unterscheiden sich im Detail, aber nicht in der Erkenntnis: Wir steuern auf eine Niedrigtestosterongesellschaft zu.
Nein, wir werden dadurch als Gesellschaft nicht freundlicher und empathischer. Wir werden dadurch schwermütiger, träger, trauriger und ängstlicher, wir verfetten an Leib und Seele. Der amerikanische Neuroendokrinologe und Neurowissenschaftler Robert Sapolsky sagt: Testosteron macht Mönche mönchischer und Idioten idiotischer.
Und weil Sie diese Doppelseite(*) mittlerweile vielleicht wie zufällig daheim am Klo oder am Wohnzimmertisch offen liegen lassen möchten: Ja, dieser Rückgang betrifft sehr stark den männlichen Teil der Bevölkerung, und ja, da bleibt es dann auch nicht bei den psychischen Folgen. Da wird’s auch handfest körperlich. Bei Männern lässt sich der Testosteronspiegel, verzeihen Sie die Direktheit, recht gut vom morgendlichen Aggregatzustand des, äh, Membrum virile ableiten: Fehlt beim Aufwachen eine charakteristische Ausdehnung im Pyjama-Unterteil, ist das kein gutes Zeichen. Wenn noch dazu die Lust auf körperliche Betätigung im sportlichen und partnerschaftlichen Bereich nachlässt, haben wir einen zweiten Grund, beim Arzt den Testosteronspiegel anschauen zu lassen.
Der dritte Grund wäre, wenn der gute Mann jenseits der vierzig plötzlich auf die Idee kommt, ein Motorrad kaufen zu müssen, oder wenn er Interesse an Frauen im tochterfähigen Alter entwickelt. Den Weg zu Hormonersatztherapien schlagen Sie übrigens nicht ein, bitte wirklich nicht, stattdessen lassen Sie Nahrungsmittel aus diesen Weichmacher-weichgemachten Plastikbehältern weg, trinken weniger Bier und reduzieren den Soja-Anteil in Ihrer Nahrung, da sind nämlich überall östrogenartig wirkende Substanzen enthalten. Stattdessen genießen Sie Austern (günstiger: Sie supplementieren Zink), Vitamin C, Magnesium und Maca – das sollte schon ganz gut funktionieren, bei allen Geschlechtern.
Auch Kältetherapie unterstützt die Testosteronbildung (es gibt tatsächlich auch so etwas wie spezielle Unterwäsche zur Kühlung der männlichen Geschlechtsorgane). Wenn man/frau dann auch noch ausreichend in die Sonne kommt, die Muskeln regelmäßig trainiert, Stress und Schlaf in den Griff kriegt, sollte alles wieder passen. Danke, dass Sie doch dabeigeblieben sind! Ich hoffe, es hat sich für Sie ausgezahlt. Und danke auch an den Andreas Breitfeld, der mich in unserem gemeinsamen Podcast „Die Biohacking-Praxis“ auf das Thema gebracht hat. (Die Folge nachzuhören belohnt Sie übrigens mit der Information, dass es für Ihren Testosteronspiegel gar nicht egal ist, welcher Fußballmannschaft Sie die Daumen drücken.)
(*) Dieser Text erschien ursprünglich im carpe diem-Magazin 22/06.
STEFAN WAGNER ist Biohacker, das heißt, von dem Gedanken beseelt, Gesundheit und Leistungsfähigkeit von Körper, Geist und Seele durch verschiedenste Maßnahmen zu verbessern – um so länger und besser zu leben. Bis 120, hat er sich vorgenommen. Mindestens.

Wie du besser, gesünder und länger lebst –Podcast mit den Biohackern Andreas Breitfeld & Stefan Wagner
Nimm dein Leben selbst in die Hand. Mach es schöner, länger, intensiver, spannender und lebenswerter und verbessere dadurch die Welt. Das ist die einfache, aber schöne Idee hinter dem Begriff „Biohacking“, um den sich diese Podcast-Folge dreht. Weiterlesen...