Wenn Sie unter dreißig sind, legen Sie diesen Beitrag gleich zur Seite und holen Sie ihn irgendwann zwischen Ihrem 30. und 35. Geburtstag wieder raus. Achten Sie bis dahin auf ausreichende Zufuhr von B3 und Tryptophan, den Rest erledigt Ihr Körper. Bis später also – genießen Sie Ihre Jugend, und gehen Sie freundlich mit Ihren Mitochondrien um!

Mein eigener 35. Geburtstag ist mehrfach verjährt, was bedauerlicherweise nichts an seiner Gültigkeit ändert. Wenn es Ihnen ähnlich geht, begleiten Sie mich zunächst auf einen kleinen biochemischen Exkurs, Ihr Eigeninteresse überwiegt die Unannehmlichkeit der Lektüre eines Absatzes mit ein paar medizinischen Fachbegriffen: Die Produktion des Coenzyms NAD hat sich im Vergleich zu unseren Zwanzigern ungefähr halbiert. Das ist schlecht, denn NAD ist dafür verantwortlich, wie viel ATP unsere Mitochondrien in unseren Zellen produzieren. Mitochondrien? Das sind die sogenannten „Kraftwerke“ in unseren Zellen. (Nachfahren von Bakterien übrigens, was einer der Gründe dafür ist, warum ein Biohacker Antibiotika nicht mag und Glyphosat für Teufelszeug hält.)

ATP? Das ist der Treibstoff für alles, was wir Leben nennen, also Atmen, Denken, Verdauen, Tennisspielen. ATP ist so wichtig für uns, dass sechs Sekunden ohne ATP-Nachschub reichen, um alles, was wir Leben nennen, zu beenden. Wir sind jederzeit gerade mal sechs Sekunden Mitochondrienstreik vom Tod entfernt. Sechs Sekunden! Hier schließt sich der Kreis: Ohne NAD produzieren Ihre Mitochondrien kein ATP.

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Mit wenig NAD produzieren sie wenig ATP, mit viel NAD viel. Ein sinkender NAD-Spiegel fördert also alles, was uns schlapp, krank und tot macht – und der NAD-Spiegel sinkt mit dem Alter, wenn wir nichts dagegen unternehmen.

Unseren NAD-Spiegel auch mit vierzig, fünfzig oder sechzig nach 25 aussehen zu lassen geht tatsächlich, und zwar auf drei Wegen.

  • Weg eins: mehr B3 und Tryptophan einnehmen. Das packt das Problem nicht an der Wurzel. Denn das Problem ist, dass unser alternder Körper verlernt, aus diesen Ausgangsstoffen NAD zu bilden. Zudem besteht der Verdacht, dass die dauerhafte Einnahme von hoch dosiertem Vitamin B3 unschön auf unsere Insulinsensitivität wirkt. (Spermidin kann diese Nebenwirkungen korrigieren.)

  • Weg zwei: NAD als Infusion. Wirkt augenblicklich und spürbar, es gibt sogar Anwendungsberichte in der Lazarus-Liga, aber die Sache ist recht teuer (ca. 500 bis 600 Euro), und die Wirkung lässt nach ein paar Wochen nach. Mir ist das zu teuer, und man muss sich ja auch als Biohacker nicht dauernd irgendwo anstoppeln.

  • Weg drei: NMN. NMN ist die direkte Vorstufe von NAD, unsere alternden Zellen müssen also nur noch einen Umwandlungsschritt schaffen, das kriegen sie hin. NMN ist kein Geschenk, aber wahrscheinlich die beste Preis-Leistungs-Investition ins jugendlichere Altern, die man für Geld kriegt.(*) Ein Gramm kostet ungefähr einen Euro, schöne Studien gibt es ab 250 Milligramm. Ich nehme NMN seit drei Monaten, anfangs zwei Gramm täglich, jetzt knapp ein Gramm, und es ist ein bisschen Hammer. Eigentlich soll man die Wirkung von NMN erst nach einigen Wochen spüren, bei mir setzte der Turbo schon nach vier, fünf Tagen ein. Ich komme mit weniger Schlaf aus, kann mich länger konzentrieren, ertrage viele Launen des Lebens verhältnismäßig gelassen – und wenn Sie jetzt „Placebo!, Placebo!“ rufen, dann entgegne ich: Diese Kolumne wurde sogar einen Tag vor dem Termin abgegeben und mit stattlicher Überlänge, was sagen Sie jetzt?

(*) Noch ein paar technische Hinweise:

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  1. NMN bitte nicht nehmen, wenn sich akut was Onkologisches im Körper tut.

  2. NAD ist eigentlich NADH und NAD+, ich weiß eh, aber das führt hier zu weit; eigenes Erklärungslabyrinth …

  3. Wenn NMN in manchen Fällen nur für den Tiergebrauch angeboten wird, liegt das an US-Zulassungsregularien und an wirtschaftlichen Interessen einiger prominenter Anti-Aging-Gurus. Lassen Sie sich nicht beirren.

  4. Wenn Sie Ihren Mitochondrien kostenlos Feuer unterm Hintern machen möchten: Sauna, Eisbaden, Fasten, High Intensity Interval Training.

Stefan Wagner

Foto: Martin Kreil

STEFAN WAGNER ist Biohacker, das heißt, von dem Gedanken beseelt, Gesundheit und Leistungsfähigkeit von Körper, Geist und Seele durch verschiedenste Maßnahmen zu verbessern – um so länger und besser zu leben. Bis 120, hat er sich vorgenommen. Mindestens.

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