Der optimierte Wagner, Teil 32: Spaziergang mit Benefits
Wieso Biohacker frisch verliebt in eine Sportart sind.

Oriana Fenwick
Biohacker lieben Krafttraining (manche mehr, ich weniger). Wir lieben unsere HIIT-Workouts, und zwar so kurz und so intensiv, als wollten wir allen Schmerz der Welt in wenige Minuten pressen. Wir lieben Spielsportarten (kein Sport verlängert das Leben so sehr wie Tennis, ich sag nur). Wir lieben Spaziergänge.
Was wir nicht lieben, das ist klassisches Ausdauertraining, dieses stundenlange atemlose Durchdiegegendhetzen, Joggen, bis man sich auf die Zunge steigt, Radeln, bis man aus dem Sattel fällt. Denn solches – Fachbegriff – chronic cardio mit zu hohem Puls über zu lange Zeit überschwemmt uns mit Cortisol, triggert oxidativen Stress, behandelt die Gelenke rüpelhaft und bringt empfindlich weniger gesundheitlichen Nutzen, als man allgemein glaubt.
Das Verhältnis zwischen Biohackern und Cardiotraining war lange Zeit insgesamt kühl. Bis sich vor ein paar Monaten ein paar Leute aus der amerikanischen Biohacking- Bubble die aktuelle Studienlage in einem speziellen Belastungsbereich angesehen haben. Seither lieben wir Zone-2-Cardio.

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„Zone-2-Cardio“ klingt zu Unrecht nach Raketenwissenschaft. Der Begriff beschreibt etwas sehr Simples: jene körperliche Belastung, bei der man zwar ins Schwitzen kommt, aber – wenn auch ein wenig keuchend – immer noch gut plaudern kann, bei rund 60 bis 70 Prozent der maximal erreichbaren Herzrate, in meinem Fall sind das etwa 130 bis 140 Schläge.
Zone-2-Cardio ist großartig: Es schont die Gelenke, nährt die Mitochondrien, verbrennt Fett, stärkt das Herz, fördert den Stoffwechsel und verlängert das Leben fast so sehr wie Tennis. Zone-2-Cardio ist mein neuer zweitliebster Sport.
Wer mir auf Instagram folgt, hat wahrscheinlich schon mitgekriegt, dass ich seit ein paar Monaten in einer Art Zivilisationsdetox lebe: 800 Meter Seehöhe, das Wohnzimmer in Seh- und Hörweite einer Kuhweide wie aus der Fernsehwerbung, zehn Fußminuten zum Bauern mit frischer Rohmilch (beschäftigen Sie sich bei Gelegenheit mit dem Thema Rohmilch!) und mit den Eiern jener Hühner, die mir beim Rohmilcheinkaufengehen zwischen den Füßen herumpicken. Meine Arbeitstage in diesem Zone-2-Cardio-Paradies eröffne ich mit einem Vier-Kilometer-Spaziergang durch Wiesen und Wälder, Voralpengipfel vor Augen, Morgenmeetings im Ohr.
Dass ich diese Meetings kurzatmiger bestreite, als es der Überzeugungskraft meiner Argumente förderlich wäre, ist ein vertretbarer Preis für die unterwegs abgeernteten Zone-2-Cardio-Benefits. Sie werden jetzt fragen, wie ich einen Morgenspaziergang raufkriege auf 130 bis 140 Puls. Die Antwort: Ich schnalle mir eine Gewichtsweste um die Brust. Das sieht wahnsinnig meschugge aus, sogar die Kühe werfen mir irritierte Blicke zu, aber Zusatzgewicht pimpt jeden Spaziergang zu einem knackigen Zone-2-Workout, was soll man machen.*
Einen zusätzlichen Vorteil des Spazierens mit Gewichtsweste kennen Sie von Ihrer letzten Bergwanderung mit Rucksack (ja, die war auch Zone-2-Cardio, wir haben’s ja nicht erfunden): Die Rumpfmuskulatur hat ordentlich zu tun. Das verhilft Ihnen zu besserer Haltung, immunisiert gegen Rückenschmerzen – und außerdem, wenn man schon Fett verbrennt, kann es ja nicht schaden, rechtzeitig die Bauchmuskeln ein bissl in Form zu bringen.
* Wenn es Ihnen zu peinlich ist, Gewichtswesten in der Öffentlichkeit zu tragen, und wenn Ihnen herkömmliche Rucksäcke zu unhandlich sind: Es gibt mittlerweile speziell konstruierte Rucksäcke zum Herumschleppen von speziell konstruierten Edelstahlgewichtsscheiben. Googeln Sie „Rucking“, das gibt es wirklich.
STEFAN WAGNER ist Biohacker, das heißt, von dem Gedanken beseelt, Gesundheit und Leistungsfähigkeit von Körper, Geist und Seele durch verschiedenste Maßnahmen zu verbessern – um so länger und besser zu leben. Bis 120, hat er sich vorgenommen. Mindestens.
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